Mehr als Sprache und Herkunft. Über Identität, Verantwortung und Zukunft der deutschen Minderheit 

„Junge Menschen anzusprechen ist heute viel schwieriger als früher. In meiner Jugend waren die Möglichkeiten ganz anders. Meine Eltern haben mich nicht in den Urlaub ins Ausland mitgenommen. Es gab Arbeit im Haus, auf dem Feld, im Garten. Heute ist ein Ausflug nach Oppeln für junge Menschen nichts besonders Attraktives. Sie haben Dutzende anderer Möglichkeiten zur Auswahl. Es wird immer schwieriger, ihre Zeit und Aufmerksamkeit zu gewinnen“ – sagt Martina, Vorsitzende eines der lokalen DFK-Ortsgruppen. 

Einen besseren Ausgangspunkt für ein Gespräch über die Zukunft des Bundes der Jugend der Deutschen Minderheit in Polen könnte es kaum geben. In wenigen Monaten feiert der BJDM seinen 35 Geburtstag. Die Organisation entstand in einer völlig anderen Welt als jener, in der sie heute tätig ist. Die Möglichkeiten junger Menschen haben sich verändert, ebenso die Art, ihre Freizeit zu verbringen, ihre Erwartungen an gesellschaftliche Organisationen und ihre Motivation, sich zu engagieren. Auch die deutsche Minderheit selbst hat sich gewandelt. Ihre junge Generation wächst immer seltener mit Deutsch als selbstverständlicher Alltagssprache auf, besitzt häufiger eine vielschichtige Identität und kann – oder will – diese nicht immer in eine einzige, eindeutige Selbstbeschreibung fassen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Fragen nach Herkunft, Sprache und Zugehörigkeit an Bedeutung verloren hätten. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall. Wenn die Antworten nicht mehr selbstverständlich sind und immer seltener in fertiger Form weitergegeben werden, muss man sich bewusst auf die Suche nach ihnen machen. Genau hier beginnt die heutige Aufgabe von Organisationen wie dem BJDM. Die Frage nach seiner Zukunft lässt sich nämlich nicht darauf reduzieren, ob es auch in zehn Jahren noch Ferienfreizeiten, Austauschprojekte, Workshops und Jugendveranstaltungen geben wird. Viel wichtiger ist, wer bereit sein wird, sie zu organisieren, wer das Gefühl entwickeln wird, dass die Geschichte dieser Gemeinschaft auch seine eigene Geschichte ist, und wer bereit sein wird, Verantwortung für ihre Fortsetzung zu übernehmen. Denn die Zukunft der deutschen Minderheit hängt nicht nur davon ab, wie viele junge Menschen Sprache und Erinnerung von ihren Eltern oder Großeltern erben. Sie hängt auch davon ab, ob diejenigen, denen dieses Erbe nicht vollständig mitgegeben wurde, einen Ort finden, an dem sie es entdecken können. 

Nicht alles wird von den Vorfahren geerbt 

Für viele Angehörige älterer Generationen ergab sich die Antwort auf die Frage nach der eigenen Identität unmittelbar aus dem Umfeld, in dem sie aufwuchsen: aus der Sprache, die zu Hause gesprochen wurde, aus Familiengeschichten, lokalen Bräuchen und den Erfahrungen der gesamten Gemeinschaft. Im Fall der deutschen Minderheit blieb gerade die Familie über Jahrzehnte der wichtigste Ort, an dem dieses Erbe weitergegeben wurde. In ihr wurden Sprache, Erinnerung und Geschichten bewahrt, die während eines Teils der Nachkriegsgeschichte außerhalb der eigenen vier Wände nicht immer frei weitergegeben werden konnten. Heute funktioniert dieser Mechanismus immer häufiger nicht mehr auf dieselbe unmittelbare Weise. Jemand weiß, dass seine Großmutter Deutsch sprach, beherrscht die Sprache aber selbst nicht. Jemand erinnert sich an einzelne Familiengeschichten, hat jedoch nie versucht, sie zu einem größeren Ganzen zusammenzufügen. Jemand kennt seine deutschen Wurzeln, hat sich aber viele Jahre lang nicht gefragt, was sie eigentlich für ihn selbst bedeuten. Die heutige Identität gleicht deshalb immer seltener einem fertigen Bündel aus Werten und Zugehörigkeiten, das man einfach von der vorherigen Generation übernehmen kann. Häufiger ist sie etwas, das nach und nach entsteht: durch die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte, die Auseinandersetzung zwischen familiären Erzählungen und den eigenen Erfahrungen sowie durch bewusste Entscheidungen darüber, welche Elemente dieses Erbes man als Teil des eigenen Lebens bewahren möchte. 

Forscherinnen und Forscher, die sich mit der Entwicklung der jungen Generation beschäftigen, weisen seit Jahren darauf hin, dass sich der Prozess der Identitätsbildung verlängert hat. Sie beschreiben die Jugend als eine Phase intensiver Suche nach dem eigenen Platz, nach Werten und Zugehörigkeit. Junge Menschen verfügen heute über wesentlich größere Wahlmöglichkeiten als frühere Generationen. Mit dieser Freiheit geht jedoch auch die Notwendigkeit einher, Fragen selbst zu beantworten, die früher häufiger durch das familiäre und gesellschaftliche Umfeld beantwortet wurden. Das gilt auch für junge Menschen mit Bezug zur deutschen Minderheit. Man kann sich gleichzeitig mit Schlesien, Polen, Deutschland und Europa verbunden fühlen. Man kann im Alltag Polnisch sprechen, Deutsch lernen und Schlesisch verwenden. Man kann deutsche Vorfahren haben und sich dennoch erst als erwachsener Mensch für ihre Geschichte zu interessieren beginnen. Man kann sich auch lange überhaupt keine Gedanken über die eigene Herkunft machen – bis ein Gespräch, eine Reise oder die Begegnung mit einem anderen Menschen das Bedürfnis weckt, diesen Teil der eigenen Identität kennenzulernen. 

So war es bei Michał. Seinen ersten Kontakt mit dem Umfeld der deutschen Minderheit hatte er vor einigen Jahren, als er an einer von einem lokalen DFK organisierten Ferienfreizeit teilnahm. Später nahm er an einem polnisch-ungarischen Austausch des BJDM teil und begann sich mit der Zeit immer stärker zu engagieren. – „In meiner Familie gibt es deutsche Wurzeln, aber Sprache und Kultur wurden nicht bewahrt. Irgendwann begann ich das Gefühl zu haben, dass ich zu diesem Teil meiner Geschichte zurückkehren, mehr darüber erfahren und Menschen kennenlernen möchte, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Der BJDM wurde für mich zu einem Ort, an dem ich beginnen konnte, diesen Teil meiner eigenen Geschichte zu entdecken“ – erzählt er. Er kam also nicht mit einer bereits fertigen und eindeutig definierten Identität in die Organisation. Er kam unter anderem deshalb, weil er sie besser verstehen wollte. Und mit dieser Erfahrung ist er keineswegs allein. In Überlegungen über die junge Generation der deutschen Minderheit spielen familiäre Erinnerung, individuelle Entscheidungen und die selbstständige Bestimmung der eigenen Zugehörigkeit eine immer größere Rolle. Deutschsein ist nicht mehr in jedem Fall etwas Selbstverständliches, das von Kindheit an auf dieselbe Weise erlebt wird. Für einen Teil der jungen Menschen wird es zu einem Element der eigenen Identität, das erst gefunden, benannt und bewusst in die eigene Geschichte integriert werden muss. Das stellt Minderheitenorganisationen vor eine völlig neue Aufgabe. Wenn sie ausschließlich auf Menschen warten, die bereits fließend Deutsch sprechen, die Geschichte ihrer Familie genau kennen und über eine klar definierte Identität verfügen, könnten sie eines Tages feststellen, dass sie auf eine Generation warten, die es in dieser Form nicht mehr gibt. Die Zukunft der deutschen Minderheit hängt deshalb nicht allein davon ab, wie viele junge Menschen eine fertige Antwort auf die Frage nach ihrer Herkunft erben. Sie hängt ebenso davon ab, ob es Orte geben wird, an denen sie selbst nach dieser Antwort suchen können. 

Es gibt nicht den einen richtigen Weg 

An dieser Stelle stellt sich jedoch eine Frage, der keine Minderheitenorganisation ausweichen sollte: Wie weit kann man seine Türen öffnen, ohne zugleich den Charakter zu verlieren, um dessentwillen die Organisation überhaupt gegründet wurde? Sollte eine Jugendorganisation der deutschen Minderheit ausschließlich für Menschen bestimmt sein, die bereits wissen, dass sie Deutsche sind? Muss man Deutsch sprechen, um sich als Teil dieser Organisation fühlen zu können? Sollte eine Mitgliedschaft den Abschluss einer bereits gefestigten Identitätsentwicklung bilden – oder kann sie vielmehr der Beginn eines Weges sein, auf dem man diese Identität erst entdeckt? 

Seit seiner Gründung ist der BJDM eine Organisation der deutschen Minderheit. Dies ist weder einer von vielen Tätigkeitsbereichen noch ein historischer Zusatz zu einem modernen Projektangebot, sondern der grundlegende Zweck seiner Existenz. Die offizielle Strategie der Organisation spricht ausdrücklich von der Bewahrung des kulturellen Erbes, der Pflege der deutsch-polnischen Freundschaft, dem Einsatz für Minderheitenrechte und dem Aufbau einer Zukunft für die deutsche Gemeinschaft in Polen. Zu den wichtigsten Werten gehören Offenheit, Integration, Gemeinschaftsgefühl, Professionalität und die Achtung der Minderheitenrechte. Und auch „Spaß“ gehört dazu – denn Jugendarbeit muss nicht allein deshalb in ihrer Form ernst sein, weil ihre Ziele ernst sind. Entscheidend ist jedoch, dass sich eine heutige Minderheitengemeinschaft nicht nach dem Prinzip einer Auswahlkontrolle am Eingang aufbauen lässt. Nicht jeder, der in Zukunft zu einem aktiven Mitglied dieser Gemeinschaft werden kann, wird mit perfektem Deutsch und umfassendem Wissen über die eigenen Wurzeln zu ihr kommen. Nicht jeder wird überhaupt deshalb kommen, weil er Antworten auf Fragen nach seiner Identität sucht. Manchmal ist der erste Impuls ein interessantes Projekt, ein anderes Mal sind es Freunde, die Möglichkeit zu verreisen oder schlicht die Lust, etwas Neues auszuprobieren. Das muss kein Scheitern des Auftrags der Organisation bedeuten. Im Gegenteil: Es kann der Beginn eines wesentlich längeren Prozesses sein. Die Motivation, mit der ein junger Mensch zu einer Organisation kommt, muss schließlich nicht dieselbe sein, aus der er später dort bleibt. Jemand kann wegen eines Projekts kommen und wegen der Menschen bleiben. Er kann mit einer Reise beginnen und einige Jahre später eigene Initiativen organisieren. Vielleicht landet er zufällig bei einer Veranstaltung und stellt Jahre später fest, dass er genau dort zum ersten Mal bewusst über die Geschichte seiner Familie nachgedacht hat. Offenheit muss deshalb nicht bedeuten, dass der Minderheitencharakter des BJDM verwässert wird. In gewisser Weise kann sie sogar eine Voraussetzung dafür sein, ihn zu bewahren. Man kann von einem jungen Menschen kaum erwarten, dass er eine Kultur pflegt, die ihm zuvor niemand gezeigt hat. Man kann keine Kenntnisse einer Sprache verlangen, die er zu Hause nie lernen konnte. Ebenso wenig kann man ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft erwarten, die jemand nie erleben durfte. Zunächst muss eine Möglichkeit zur Begegnung geschaffen werden. 

Gemeinsam mit Michał kommt auch seine Partnerin zum BJDM. Sie selbst stammt nicht aus dem Umfeld der deutschen Minderheit, fühlt sich aber unter den Menschen wohl, die sie dort kennengelernt hat, identifiziert sich mit den Werten der Organisation und möchte sich gesellschaftlich engagieren. Ihre Anwesenheit macht die Organisation nicht weniger deutsch. Durch solche Begegnungen werden Kultur, Sprache und Geschichte der Minderheit auch für Menschen verständlich und zugänglich, die nicht von Anfang an Teil dieses Umfelds waren. Offenheit bedeutet also nicht, die Identität aus der Organisation zu entfernen. Sie bedeutet, andere dazu einzuladen, sie kennenzulernen. 

Auf Dauer bleiben 

Eine heutige Jugendorganisation konkurriert nicht mehr ausschließlich mit anderen Vereinen. Im Grunde konkurriert sie mit allem, was die Aufmerksamkeit junger Menschen beanspruchen kann: mit Reisen, sozialen Medien, Arbeit, Studium, Sport, Unterhaltung und Hunderten von Entwicklungsmöglichkeiten, die frühere Generationen schlicht nicht hatten. Die bloße Aufforderung „Komm zu uns, weil gesellschaftliches Engagement wichtig ist“ reicht immer seltener aus. Junge Menschen möchten wissen, was ihnen eine bestimmte Erfahrung für ihr eigenes Leben bringt. Sie suchen Beziehungen, Entwicklungsmöglichkeiten, Selbstwirksamkeit und das Gefühl, tatsächlich Einfluss auf das nehmen zu können, was um sie herum geschieht. Das bedeutet nicht, dass sie weniger bereit wären, anderen zu helfen. Vielmehr hat sich die Art verändert, wie sie ihr eigenes Engagement verstehen. In der Literatur über das gesellschaftliche Engagement der Generation Z wird auf das Bedürfnis hingewiesen, gesellschaftlichen Nutzen mit persönlicher Entwicklung zu verbinden. Ehrenamtliches Engagement kann somit gleichzeitig der Gemeinschaft dienen und die Person weiterentwickeln, die sich engagiert. Diese beiden Ziele müssen nicht miteinander konkurrieren. Der BJDM bietet jungen Menschen die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, die sich nur schwer aus einem Lehrbuch erlernen lassen. Jemand leitet zum ersten Mal einen Workshop, jemand anderes schreibt einen Projektantrag, verwaltet ein Budget, organisiert eine Veranstaltung, koordiniert die Arbeit eines Teams oder spricht vor Publikum. Für viele ist es die erste Gelegenheit zu entdecken, dass sie nicht nur teilnehmen, sondern auch selbstständig etwas auf die Beine stellen können. 

Bei einer Minderheitenorganisation kommt allerdings noch eine weitere Dimension hinzu. All diese Erfahrungen finden in einem bestimmten kulturellen Umfeld statt. Deutsch begegnet den jungen Menschen nicht ausschließlich im Unterricht, sondern auch in Gesprächen, bei Austauschprojekten und in der internationalen Zusammenarbeit. Geschichte ist plötzlich nicht mehr nur ein langweiliges Schulfach, und Kultur muss nicht ausschließlich eine folkloristische Tanzschau bedeuten. In den „Jugendpunkten“ kann Deutsch bei einem Geländespiel, einer Stadtrallye oder beim gemeinsamen Kochen eingesetzt werden. Bei einem internationalen Projekt wird es zur gemeinsamen Kommunikationssprache. In der „Antidotum“-Redaktion beschreiben junge Menschen ihre eigene Lebenswirklichkeit und arbeiten in einem zweisprachigen Umfeld. Bei historischen Projekten können sie Fragen zu Orten und Geschichten stellen, von denen sie zuvor vielleicht noch nie gehört hatten. Die Form dieser Aktivitäten verändert sich mit jeder neuen Generation, doch ihr Kern bleibt derselbe. Die deutsche Sprache ist dabei gleichzeitig Teil des kulturellen Erbes, Sprache der Begegnung und Schlüssel zu einer Welt, zu der junge Menschen eine eigene Beziehung aufbauen können. Vielleicht liegt genau darin heute eine der wichtigsten Aufgaben einer Minderheitenorganisation: jungen Menschen nicht nur zu sagen, dass sie die Sprache ihrer Vorfahren kennen sollten, sondern ihnen Gründe zu geben, aus denen sie selbst diese Sprache verwenden möchten. 

Ein Projekt organisiert sich nicht von allein 

Auf den Fotos nach einem abgeschlossenen Projekt sieht normalerweise alles ganz einfach aus. Da ist eine Gruppe lächelnder Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ein gemeinsames Foto, manchmal gibt es Urkunden und später ein Reel oder einen kurzen Bericht in den sozialen Medien. Nicht zu sehen sind dagegen die monatelangen Vorbereitungen, lange im Voraus verfasste Anträge, Budgets, Dokumente, Gespräche mit Fördermittelgebern, Telefonate, Abrechnungen und all die Probleme, die jemand lösen musste, bevor die Teilnehmenden sie überhaupt bemerken konnten. – „Ich bin vor allem dafür verantwortlich, dass das Büro reibungslos funktionieren kann“ – sagt Dominika Szymczyk, Büroleiterin des BJDM. – „Ich kümmere mich um die Dokumentation, stehe in ständigem Kontakt mit der Buchhaltung, dem Vorstand und den Fördermittelgebern, kontrolliere die Ausgaben und unterstütze die Koordinatorinnen und Koordinatoren, wenn Fragen oder Probleme auftauchen. Gleichzeitig muss man ständig an die Zukunft denken, denn die Finanzierung vieler Projekte beantragen wir lange im Voraus. Eine Idee kann heute entstehen, aber bevor sie Wirklichkeit wird, muss jemand all die Arbeit erledigen, die später fast niemand sieht.“ 

Diese unsichtbare Seite der Arbeit ist wesentlich wichtiger, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Sie zeigt nämlich, dass jugendliche Energie allein nicht ausreicht. Man kann eine gute Idee, Begeisterung und eine Gruppe interessierter Menschen haben – doch wenn niemand die Verantwortung dafür übernimmt, das Vorhaben bis zum Ende umzusetzen, wird nichts daraus. Einer der in der Strategie des BJDM festgehaltenen Werte wird mit einem Augenzwinkern als „deutsche Qualität“ bezeichnet. Hinter dieser scherzhaften Formulierung steht jedoch eine ernsthafte Überzeugung: Eine Jugendorganisation kann gleichzeitig ein Ort sein, an dem man Spaß hat, und eine Struktur, die professionell arbeitet. Das eine schließt das andere nicht aus. Im Gegenteil: Ohne einen professionellen organisatorischen Hintergrund gäbe es keinen Raum, in dem selbst die kreativsten Ideen frei verwirklicht werden könnten. Für viele junge Menschen wird gerade das Engagement in einer Organisation zur ersten wirklichen Erfahrung, Verantwortung für andere zu übernehmen. Weronika Koston, ehemalige Vorsitzende des BJDM und heutiges Mitglied der Revisionskommission, beschreibt ihren Weg in der Organisation als eine Erfahrung, die kein Kurs hätte ersetzen können – „Wenn man beginnt, sich im BJDM zu engagieren, weiß wohl niemand so genau, wohin dieser Weg einen führen wird. Mich hat er gelehrt, Verantwortung zu übernehmen, unter Druck zu arbeiten, schwierige Entscheidungen zu treffen und mit Menschen zusammenzuarbeiten, deren Motivation sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Er hat mir auch gezeigt, dass Teamarbeit unglaublich erfüllend sein kann, manchmal aber auch schwierig ist. Was einen trotz dieser Schwierigkeiten weitermachen lässt, ist das gemeinsame Ziel und das Bewusstsein, dass wir etwas für unsere Gemeinschaft und unsere Region tun. Ohne den BJDM wäre ich heute nicht dort, wo ich bin.“ – Eine solche Wirkung lässt sich nur schwer statistisch erfassen. Man kann die Zahl der Projektteilnehmenden, Veranstaltungen oder durchgeführten Workshops zählen. Wesentlich schwieriger ist es zu messen, wie viele Menschen dadurch zum ersten Mal daran geglaubt haben, selbst etwas organisieren, Verantwortung für eine Gruppe übernehmen oder eine Initiative verwirklichen zu können, die zuvor nur als Idee existierte. Und genau von solchen Menschen hängt die Zukunft jeder Organisation ab. 

Das schwierigste Projekt: die Nachfolge 

Der BJDM kann ein hervorragendes Projekt entwickeln, Fördermittel einwerben, ein gutes Programm vorbereiten und alle verfügbaren Plätze besetzen. Doch keine Jugendorganisation kann allein von ihren Teilnehmenden überleben. Sie braucht ebenso Menschen, die eines Tages bereit sind, auf der anderen Seite zu stehen – also nicht nur zu einer Veranstaltung zu kommen, sondern sie selbst zu entwickeln, zu organisieren und Verantwortung dafür zu übernehmen. – „Es wird immer schwieriger, Menschen zu finden, die sagen: ,Okay, ich kümmere mich darum. Ich fange an, bringe Leute zusammen und versuche es einfach‘“ – beobachtet Emily, Mitglied des BJDM-Vorstands. – „Es fehlen solche ,Macher‘, wie wir manchmal in meiner Familie sagen. Menschen, die nicht auf ein fertiges Projekt warten, sondern selbst etwas ins Rollen bringen können. Wenn solche Menschen fehlen, wird es irgendwann auch keine Projekte mehr geben, an denen andere teilnehmen können.“ – Martina beschreibt dasselbe Problem noch anschaulicher – „Wir hören oft, dass junge Menschen keine Führungskräfte wollen. Meiner Meinung nach bedeutet das nicht, dass sie nicht in Gruppen aktiv sein möchten, die jemanden an der Spitze haben. Das Problem beginnt dann, wenn man die volle Verantwortung übernehmen muss. Jemand hilft gerne beim Grillen und steht bei den Würstchen. Aber vorher muss jemand diese Würstchen kaufen und die ganze Veranstaltung vorbereiten – und anschließend auch noch alles aufräumen. Und gerade für diesen Teil ist es am schwierigsten, Menschen zu finden.“ – Das Bild von Grill und Würstchen mag zum Schmunzeln bringen, doch dahinter verbirgt sich ein Problem, das viele gesellschaftliche Organisationen gut kennen. Junge Menschen wollen sich weiterhin an konkreten Aktivitäten beteiligen, entscheiden sich jedoch immer häufiger für kurzfristige und flexible Formen des Engagements. Wesentlich schwieriger ist es, sie davon zu überzeugen, sich über viele Jahre an eine Organisation zu binden und schrittweise Verantwortung für deren täglichen Betrieb zu übernehmen. 

Für den BJDM ist diese Herausforderung besonders bedeutsam, denn eine Jugendorganisation kann sich per Definition nicht über Jahrzehnte auf dieselben Menschen stützen. Menschen beenden die Schule, gehen zum Studium weg, ziehen um, beginnen ihre berufliche Laufbahn und gründen Familien. Alle paar Jahre muss die Verantwortung deshalb an andere weitergegeben werden. Das größte Projekt des BJDM ist somit keine bestimmte Ferienfreizeit, kein Austausch und kein Festival. Das schwierigste Projekt sind die Nachfolgerinnen und Nachfolger – Menschen, die heute als Teilnehmende kommen, einige Jahre später bei der Organisation mithelfen und vielleicht irgendwann selbst etwas für die nächste Generation schaffen. Während einer Strategieschulung versuchten der Vorstand und die Büromitarbeitenden, einen solchen Weg aufzuzeichnen. Alles beginnt mit dem ersten Kontakt zur Organisation. Jemand nimmt an einem Projekt teil und kehrt vielleicht nie wieder zurück. Jemand anderes besucht eine weitere Veranstaltung, lernt Menschen kennen und entscheidet sich mit der Zeit für eine Mitgliedschaft. Wenn diese Person einen Platz für sich findet und spürt, dass ihre Anwesenheit von Bedeutung ist, kann sie beginnen, sich immer stärker zu engagieren. Auf einem der Flipcharts erschienen zwei Symbole: ein Herz und ein Baum. Das Herz stand für eine Person, die sich mit der Organisation verbunden hat, an Projekten teilnimmt und weitere Menschen mitbringt. Der Baum symbolisierte jemanden, der Wurzeln schlägt – selbst Projekte entwickelt, in den Vorstand eintritt, eine Stelle im Büro übernimmt oder auf andere Weise Verantwortung für die Zukunft der Organisation trägt. Auf dem Papier sieht das wie ein einfacher Entwicklungsweg eines Mitglieds aus. In Wirklichkeit verbirgt sich dahinter jedoch eine der wichtigsten Fragen für die gesamte Gemeinschaft der deutschen Minderheit: Wer wird bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, wenn die heutigen Führungspersonen gehen? 

Was wird von uns bleiben? 

Während der Strategieschulung am 11. Juli kehrte diese Frage immer wieder zurück. Gesprochen wurde über die sinkende Zahl deutschsprachiger Menschen, den demografischen Wandel, das abnehmende Interesse am Erlernen der deutschen Sprache, die Notwendigkeit, neue Zielgruppen zu erreichen, und darüber, wie sich der Minderheitenkern der Organisation bewahren lässt, während man zugleich versucht, auf die Bedürfnisse der heutigen Jugend einzugehen. Manche sehen die Zukunft recht klar. – „Meiner Meinung nach sollte der BJDM in zehn Jahren ein ähnlicher Ort sein wie heute“ – sagte Dastin, eines der Vorstandsmitglieder, während des Gesprächs. Martina antwortete knapp: -„Das ist eine sehr optimistische Vorstellung.“ – In diesem kurzen Wortwechsel steckt jedoch das gesamte Dilemma der Organisation. Heute sind in ihren Strukturen noch immer Menschen aktiv, die Deutsch sprechen, das Umfeld der Minderheit kennen und sich bewusst mit ihm identifizieren. Es gibt jedoch keinerlei Garantie dafür, dass die Situation in zehn oder zwanzig Jahren noch ähnlich aussehen wird. 

Die BJDM-Vorsitzende Paulina Widera betont, dass die Organisation den Weg fortsetzen möchte, den sie bereits eingeschlagen hat: sich weiterentwickeln, neue Menschen erreichen und zeigen, dass die deutsche Minderheit nicht ausschließlich eine Erinnerung an frühere Generationen ist. – „Wir möchten, dass junge Menschen sehen, dass die deutsche Minderheit auch aus ihren Gleichaltrigen besteht: aus aktiven Menschen, die sich um ihre Gemeinschaft kümmern, sich für die Sprache und Kultur ihrer Vorfahren interessieren, zugleich aber in der Gegenwart leben und etwas für den Ort tun wollen, an dem sie wohnen. Wir müssen Menschen zum Engagement motivieren und zeigen, dass sich beides miteinander verbinden lässt“ – sagt sie. Gleichzeitig verschweigt sie die Probleme nicht. Der demografische Rückgang, das sinkende Interesse an der deutschen Sprache und die enorme Zahl anderer Möglichkeiten, die jungen Menschen offenstehen, führen dazu, dass sich die Organisation nicht mehr darauf verlassen kann, dass die nächste Generation von selbst zu ihr findet. 

Vielleicht ist genau das heute die größte Veränderung. Viele Jahre lang konnten sich die Strukturen der Minderheit weitgehend auf eine natürliche Weitergabe zwischen den Generationen stützen. Ein Kind wuchs in einem bestimmten Umfeld auf, lernte die Sprache kennen, nahm an Veranstaltungen teil und übernahm mit der Zeit selbst einen Teil der Verantwortung. Heute reißt diese Kette immer häufiger ab. Wenn eine Organisation sie wiederherstellen möchte, muss sie aktiv auf Menschen zugehen, die vielleicht noch gar nicht wissen, dass sie genau nach einem solchen Ort suchen. Das erfordert auch einen ehrlichen Blick auf die eigenen Schwächen. Während der Strategieschulung wurde nicht ausschließlich über Promotion oder neue Projekte gesprochen. Es wurden Fragen nach Strukturen, Kommunikation und der Delegation von Verantwortung gestellt – und danach, ob wirklich jede Person, die zur Organisation kommt, weiß, welche Möglichkeiten ihr dort offenstehen. Man überlegte, wie neue Mitglieder besser unterstützt werden können und wie sich verhindern lässt, dass sie lediglich Namen auf einer Mitgliederliste bleiben. Denn eine Mitgliedschaft allein garantiert noch keine Zukunft für die Organisation. Zukunft beginnt erst dann, wenn jemand spürt, dass er seinen eigenen Platz in ihr hat und dass sein Engagement tatsächlich etwas verändert. 

Was nicht verloren gehen darf 

In wenigen Monaten wird der BJDM sein 35-jähriges Bestehen feiern. Ein solches Jubiläum lädt ganz selbstverständlich dazu ein, zurückzublicken, an frühere Projekte, an die Menschen, die die Organisation aufgebaut haben, und an die Momente zu erinnern, die Teil ihrer Geschichte geworden sind. Vielleicht ist jedoch die Frage noch wichtiger, was aus dieser Geschichte an die nächste Generation weitergegeben werden sollte. 

Ganz sicher die Sprache. Ohne sie wird ein Teil des Zugangs zur Geschichte und Kultur der Minderheit mit der Zeit schlicht verschwinden. Ganz sicher die Erinnerung. Ohne sie lässt sich nur schwer verstehen, warum diese Gemeinschaft überhaupt existiert und warum sie über Jahre hinweg für die Möglichkeit gekämpft hat, ihre eigene Identität zu bewahren. Ganz sicher Kultur und Traditionen. Nicht als ein abgeschlossenes Bündel von Ritualen, das mechanisch wiederholt werden muss, sondern als etwas, das jede neue Generation auf ihre eigene Weise erleben kann. Neben all dem muss jedoch noch etwas weitergegeben werden, über das wesentlich seltener gesprochen wird: Verantwortung. Die Verantwortung dafür, dass jemand das nächste Treffen organisiert, den nächsten Projektantrag schreibt, einen neuen Menschen zur Teilnahme ermutigt, eine Geschichte erzählt, die zuvor niemand kannte, oder sich einfach die Frage stellt, was er für seine eigene Gemeinschaft tun kann. Ohne Menschen, die bereit sind, diese Verantwortung zu übernehmen, bleibt selbst die beste Strategie nur ein Dokument – und selbst die schönste Geschichte wird mit der Zeit lediglich zu einer Erinnerung. 

 

Martina hat recht: Oppeln wird vermutlich nie mit der Exotik eines Urlaubs in der Türkei konkurrieren können. Aber vielleicht muss es das auch gar nicht. Denn die wichtigsten Erfahrungen sind nicht immer diejenigen, die uns am weitesten wegführen. Manchmal ist wichtiger der Ort, an dem man zum ersten Mal Menschen begegnet, die einem ähnlich sind. Ein Projekt, bei dem man sich zum ersten Mal traut, ein paar Sätze auf Deutsch zu sagen. Ein Gespräch, nach dem man beginnt, die Großeltern nach der eigenen Familiengeschichte zu fragen. Oder der Moment, in dem jemand nach mehreren Jahren, in denen er an von anderen organisierten Veranstaltungen teilgenommen hat, schließlich sagt: „Gut, jetzt mache ich selbst etwas.“ Sprache, Kultur und Erinnerung bestehen nicht deshalb fort, weil sie in Satzungen und Strategien festgeschrieben wurden. Sie leben weiter, wenn eine neue Generation entscheidet, dass es sich lohnt, ihnen einen Platz im eigenen Leben zu geben. Und eine Gemeinschaft hat dann eine Zukunft, wenn es Menschen gibt, die bereit sind, ihr nicht nur anzugehören, sondern auch Verantwortung für sie zu übernehmen. 

Vokabelbox 

die Selbstwirksamkeit – poczucie sprawczości 

die Zugehörigkeit – przynależność 

sich verwässern – rozmywać się, osłabić charakter 

die Fördermittelgeber – grantodawcy 

Wurzeln schlagen – zapuścić korzenie