Fußball im Kellergeschoss

Während sich viele Polinnen, Polen und Deutsche für den Fußball auf höherem Niveau begeistern, warten im sprichwörtlichen Untergeschoss Wettkämpfe, bei denen die Liga keine Rolle spielt – hier zählen die Verbundenheit mit der eigenen Heimat und große Emotionen. 

Beginne ich bei mir selbst: Ich war nie ein besonders großer Fußballfan. Natürlich hängen im Elternhaus noch gestellte Fotos von mir mit einem Ball oder einer Fan-Vuvuzela – aber das war nur Teil der Euphorie rund um die in Polen ausgetragenen EURO 2012. In diesen Tagen, fast wie zu Zeiten als alle von Małysz besessen waren, war jeder Fan dieser einen Sportart. Meine eigentliche „Erleuchtung“ in Sachen Fußball kam erst spät, als ich mich schon als recht reifen jungen Menschen bezeichnen konnte – und in Ratibor das Benefiz-Finale des regionalen polnischen Pokals stattfand. Obwohl ich auf dem Weg dorthin große Arenen wie die BayArena in Leverkusen gesehen hatte, empfinde ich doch die stärksten Gefühle gegenüber einem bescheidenen Stadion mit nur einer Tribüne im Ratiborer Stadtteil Płonia. Ich kaufte ein Unterstützerticket, ließ mich auf einem vom Leben gezeichneten Sitz der überdachten Tribüne nieder … und war verloren. Verloren im Fußball. 

LEIDENSCHAFT, BIER UND WURST 

Der Schlüssel zum Funktionieren eines lokalen Vereins ist einfach – und zugleich unglaublich beglückend. Am Anfang steht Leidenschaft: eine einzige Person, die andere damit ansteckt, oder gleich mehrere. Daran mangelt es in unserem Land nicht – jeder erinnert sich an Erfolge der Nationalmannschaft oder großer Klubs. Einen Platz für Spieler bereitzustellen, die zuvor auf Höfen mit Rucksack-Torpfosten spielten, war nie und ist nicht besonders schwer. Wir haben das Gelände, wir haben die Leute – und wenn wir Leute haben, haben wir Zuschauer. Manche, besonders motivierte, bringen sogar ihre eigenen Stühle mit. Wir starten – und haben schon ETWAS. 

Dann kommen die ganzen Lizenzbestimmungen ins Spiel – aber auch das ist kein Problem, denn irgendjemand findet sich immer, der in der Papierarbeit abtaucht. Haben wir Zuschauer und Spieler, haben wir auch Eindrücke. Und wo Eindrücke sind, da kommt Hunger oder Durst. Das eigentliche „Clou“ des Lokalfußballs ist schließlich auch das, was wir essen und trinken. In Oberschlesien gehört der Sonnenblumenkerne-Snack, direkt unter die Füße geschält, zum bewährten Klassiker (übrigens fand man beim Umbau der Tribüne des Stadions an der Chorzower Cicha-Straße 6 einen wahren Berg von Schalen – gesammelt über mindestens 30 Jahre!). Dazu Bratwurst, am besten vom Grill, und ein kühles hopfenhaltiges Getränk. So sieht ein echter Heimat-Klub aus. 

STIMMEN, ICH HÖRE STIMMEN! 

Auf den Tribünen hört man Stimmen. Und zwar nicht im paranoiden Sinne – im Lokalfußball ist Sprache, Ausruf und Gespräch eine Kunst für sich. Die Spieler rufen sich gegenseitig zu, die Trainer rufen, doch am lautesten sind die Zuschauer. Sie rufen sich über die Reihen hinweg zu (sowohl Einzelfans als auch Heim- und Auswärtsblock miteinander), diskutieren mit den Schiedsrichtern oder kommentieren jede Aktion auf und neben dem Platz. 

Schiedsrichter in den unteren Ligen sind ein äußerst spannendes Thema. Ich werde mich nicht an einer Bewertung ihrer Parteilichkeit versuchen – schließlich stehen die Regeln auf ihrer Seite. Klar ist jedoch: Die Spannungen zwischen dem Schiedsrichtertrio und Fans oder Spielern treiben den Adrenalinspiegel nach oben – schrecken aber gleichzeitig die sogenannten „Picknicker“, also Familien, die Fußball als Freizeitform besuchen wollen, von weiteren Stadionbesuchen ab. 

Besitzt ein Stadion eine Lautsprecheranlage, hat es oft auch einen Stadionsprecher oder Kommentator. Der erste liest lediglich Aufstellungen und Torschützen vor, der zweite liefert einen lebhaften Kommentar, der nicht selten spannender ist als ein Topspiel im Fernsehen. Ich durfte mich in beiden Rollen versuchen – als Stadionsprecher bin ich definitiv besser. Aber zumindest konnte ich mich als Kommentator auf dem Niveau der 3. Liga (also der vierthöchsten Spielklasse – die Ekstraklasa ist die erste, die „1. Liga“ die zweite, daher die verschobene Hierarchie) ausprobieren. Ein kleiner Absturz vom hohen Ross – ganz meiner Natur entsprechend. 

TAUSCHE „CAMP NOU“ GEGEN „LZS“ 

In einer zunehmend globalisierten Welt lohnt es sich, auf lokale Muster zurückzugreifen – und wir Schlesier haben dafür ein natürliches Talent. Ein wesentlicher Teil jeder lokalen Gemeinschaft sind die örtlichen Sportvereine – ob Fußball oder Volleyball. Das komplexe System von Cliquen und Streiten (lokale Fanfreundschaften und Rivalitäten) kann Gelegenheitszuschauer zwar abschrecken, aber es gibt keinen Grund zur Sorge – es existiert kein einziges, klar festgelegtes „richtiges“ Fanverhalten. 

Man kann Spiele im Fernsehen verfolgen, Schals, Wimpel oder Tickets sammeln – aber nichts ersetzt den einfachen Spaziergang zum Spiel am Wochenende, den Kauf einer einzigen Bratwurst oder eines Getränks und die Entspannung eines vom Bildschirmlicht müden Blicks beim Zuschauen, wie Spieler um den Ball kämpfen. Die älteren Fans auf den Tribünen sind oft eine wahre Fundgrube an Geschichten, Anekdoten und lebendigen Zeugnissen ihrer Verbundenheit mit dem Heimatland – dem Heimat. 

Also, gehen wir zum Spiel? 

 

Michał Florek 

 

Vokabelbox 

die Verbundenheit – przywiązanie, więź 

das Unterstützerticket – cegiełka, bilet wspierający 

der Adrenalinspiegel – poziom adrenaliny 

die Fundgrube (an Geschichten) – kopalnia (czegoś), skarbnica