Appell des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften an die Regierungen in Polen und Deutschland bezüglich einer Zusammenarbeit angesichts der aktuellen epidemischen Situation in Polen

“Seit vielen Monaten kämpft die Welt gegen die Pandemie des Covid19-Virus an, die neben tragischen
Problemen, in denen sich die Gesellschaften mehrerer Länder befinden, auch eine große
zwischenmenschliche Solidarität an den Tag beförderte. Dies ändert allerdings nichts daran, dass
tausende Menschen um uns herum bewusst oder unbewusst infiziert werden, viele von ihnen erkranken
und die Todeszahlen täglich steigen. Die aktuelle sog. zweite Welle der Pandemie erreichte sogar
beunruhigende Ausmaße als bisher gedacht. In vielen Ländern führt dies zur Gefahr des
Zusammenbruches des Gesundheitssystems. Im Zuge der sehr schwierigen Pandemielage in Polen
erreichen den VdG immer häufiger Anfragen von konkreten Familien, nicht nur Mitgliedern der
deutschen Minderheit, die vom Tod einer nahestehenden Person oder einer solchen Gefahr betroffen
sind, ob die Möglichkeit besteht eine bestünde Hilfe vom deutschen Gesundheitswesen zu erhalten.
Diese Anfragen kommen einerseits wegen der Information über eine bessere Situation dieses Systems,
andererseits wegen des allgemein bekannten Angebots des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier
an den Präsident Andrzej Duda, Hilfe aus Deutschland zukommen zu lassen. Die viele tausende
Menschen umfassende Gemeinschaft der polnischen Staatsbürger deutscher Nationalität, darunter auch
viele mit einer deutschen Staatsbürgerschaft, begrüßten dieses Angebot mit Freude und Stolz und
verstanden dies als eine weitere edle Geste im Sinne des Vertrages „über gute Nachbarschaft und
freundschaftliche Zusammenarbeit“, der am 17. Juni 1991 unterzeichnet wurde. Vor fast 30 Jahren
wurde darin niedergeschrieben, dass beide Staaten „ihre Kräfte dafür einsetzen, den Wunsch ihrer
beiden Völker nach dauerhafter Verständigung und Versöhnung in die Tat umzusetzen“ und „die
Grenzen ihren trennenden Charakter auch dadurch verlieren, dass wirtschaftliche und soziale
Unterschiede überwunden werden“. Angesichts der aktuellen Lage sollte erinnert werden, dass beide
Vertragspartner festgeschrieben haben, „den Menschen mit seiner Würde und mit seinen Rechten (…)
in den Mittelpunkt der Politik“ zu stellen.
Berührt von der Deklaration des Bundespräsidenten und ermutigt von den oben zitierten Worten des
Vertrages wenden wir uns an die Regierungen Polens und Deutschlands, um zum Wohle der Menschen,
die in Polen das Drama der zur Neige gehenden Möglichkeiten der medizinischen Einrichtungen in der
Behandlung allein der mit der Pandemie zusammenhängenden Fälle, aber auch der Schwierigkeiten im
Zugang zur Behandlung von Patienten mit anderen Erkrankungen erleben, konkrete Gespräche zu
beginnen über die deklarierte deutsche medizinische Hilfe.
Einen ähnlich großen Apell richten wir an regionale und lokale Verwaltungen. Die Mehrheit der
polnischen Woiwodschaften, Landkreise und Gemeinden, vor allem die in West- und Nordpolen, haben
jahrelange Erfahrungen mit ihren deutschen Partnern im Rahmen von Kultur-, Wirtschafts- und
Gesellschaftsprojekten, die in den letzten Jahren zur Normalität geworden sind. Wie viel mehr werden
sie gebraucht in einer Situation, in der sie Menschenleben retten können.
Unverständlich und schädlich wird eine Unterlassung in einer Situation sein, in der Möglichkeiten, vor
allem aber die Notwendigkeit zu Hilfeleistung und ihrer Annahme bestehen. Gute Nachbarschaft und
Freundschaft verpflichten dazu in Krisensituationen mögliche Vorbehalte, ungesunde Ambitionen und
politisches Kalkül auf die Seite zu stellen, um den übergeordneten Werten wie dem Retten von
Menschenleben Platz zu schaffen.”

Bernard Gaida
Präsident
des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen
Oppeln, den 13. November 2020